Read Gelebte Grenze Gibraltar: Transnationalismus, Lokalität Und Identität In Kulturanthropologischer Perspektive (German Edition) by Dieter Haller Online

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In der vorliegenden Ethnographie werden die Effekte der Transformation von Grenzen auf die Kultur und Gesellschaft der britischen Kronkolonie Gibraltar untersucht....

Title : Gelebte Grenze Gibraltar: Transnationalismus, Lokalität Und Identität In Kulturanthropologischer Perspektive (German Edition)
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ISBN : 3824444070
ISBN13 : 978-3824444076
Format Type : Other Book
Language : Deutsch
Publisher : Deutscher Universit ts Verlag Auflage 2000 30 August 2000
Number of Pages : 408 Seiten
File Size : 885 KB
Status : Available For Download
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Gelebte Grenze Gibraltar: Transnationalismus, Lokalität Und Identität In Kulturanthropologischer Perspektive (German Edition) Reviews

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    2019-06-20 01:06

    Grenzen und Grenzziehungen sind bedeutsame Begriffe ethnologischer und kulturanthropologischer Fachtradition: als Metapher und Beschreibungsmodus für die Bestimmungen des vermeintlich ‚Eigenen' und ‚Fremden', für die Auseinandersetzung mit Nationalstaatlichkeit oder zur Charakterisierung von Übergängen, Zwischen- und Definitionsspielräumen gehört der Topos der Grenze zum „Familiensilber" der Disziplin.Wie der heute an der Europa-Universität Viadrina lehrende Ethnologe Dieter Haller in seiner Einleitung vermerkt, gibt es jedoch wenige Versuche, Grenzen und insbesondere zwischenstaatliche Grenzen direkt als Feld zu untersuchen. Auch werde, so meint er, bei der Beschreibung von Grenzräumen bevorzugt vom Zentrum oder Kern einer Gesellschaft her gedacht.Sein Vorhaben ist dagegen, diese Hegemonie des Zentrums zu hinterfragen und eine Ethnographie zu versuchen, in der sich von der Grenze ausgehend den zentralen Konfliktlinien und Identifikationsprozessen im Innern genähert wird. Sein Forschungsfeld ist für dieses Unterfangen so ‚dankbar' wie schwierig: Gibraltar.Seit 1713 mit dem Status einer britischen Kronkolonie versehen und infolge als Militärgarnison auf- und ausgebaut, ist Gibraltar mit seiner strategisch wichtigen Lage an der Meerenge zu Marokko ein konfliktträchtiges, da bis heute von Spanien für sich beanspruchtes Gebiet.Winzig in Umfang (6,5 km²) und Bevölkerungszahl (etwa 30.000), mit seinem Umriss nach der einen Seite eine Außen- und nach der anderen eine Binnengrenze der EU bildend, fällt es im Falle Gibraltars relativ leicht, das ‚Zentrum der Gesellschaft' von der Grenze her zu denken - Insofern scheint Gibraltar ein ‚dankbares Feld'.Wie ausufernd dieses Vorhaben aber sein kann, zeigt sich, wenn man mit Haller auf die knapp 360seitige Reise seiner Habilitationsschrift Gelebte Grenze Gibraltar geht, die auf einem einjährigen Feldforschungsaufenthalt von Februar 1996 bis Februar 1997 in eben: Gibraltar beruht.Über acht Kapitel absolviert man als Leser einen umfangreichen Parcours durch Geschichte und Gegenwart Gibraltars, die der Autor umfassend und detailverliebt ethnographiert.Damit der Leser, die Leserin dieser Rezension den Ausführungen Hallers besser folgen kann, fasse ich hier kurz zusammen, was Haller als die Eckdaten des ‚Sonderfalls' Gibraltar präsentiert.Die zivile Bevölkerung Gibraltars ist nach Herkunft und Religionszugehörigkeit traditionell sehr heterogen, wobei die einzelnen Gruppen durch intermarriages eng miteinander verbunden sind. In Abgrenzung zur englischen Militärelite herrschte bis ins 20. Jahrhundert hinein ein reger Austausch zwischen Gibraltar und dem spanischen Hinterland, der jäh unterbrochen wurde, als das frankistische Spanien die Grenze für 16 Jahre komplett schloss, um Großbritannien zur Abgabe des Territoriums zu zwingen. Die multikulturelle Gesellschaft Gibraltars wurde hier sehr stark auf sich selbst zurückgeworfen und rückte im Gefühl, eine ‚Schicksalsgemeinschaft' zu bilden, stärker zusammen.Nach der Grenzöffnung und dem Beitritt Spaniens zur EU und NATO 1986 verlor der Militärstützpunkt Gibraltar an Bedeutung. Großbritannien lehnte eine volle Integration ins Mutterland schon 1967 ab und ging seit den 80er Jahren gegen den Willen der ansässigen Bevölkerung verstärkt Verhandlungen mit Spanien ein.Auf der einen Seite das Feindbild Spanien, das Gibraltar bis heute nicht als Teil der EU akzeptiert und zum Teil repressive Grenzkontrollen praktiziert, und auf der anderen das ‚entzauberte' Verhältnis zur englischen Krone, bildet sich nun verstärkt die Suche nach dem ‚Eigenen', dem Gibraltarianischen, heraus. Aufzuspüren, was das sein könnte oder wie es entsteht, ist unter anderem eine Zielsetzung des hier besprochenen Buches.Haller, der während seines Feldforschungsaufenthaltes unzählige Interviews führte und durch teilnehmende Beobachtung in verschiedene gesellschaftliche Gruppen intensiven Einblick hat, schildert sehr anschaulich die Effekte der Grenzschließung und räumlichen Enge, den Prozess der Nationalisierung sowie die allmähliche Desidentifikation mit Spanien und dem Mutterland.Anhand einzelner Momentaufnahmen der Diskurse und alltäglichen Praktiken zeigt er, wie die Erfahrung der Grenze die gibraltarianische Gesellschaft auf ganz unterschiedliche Weise geprägt hat.Im Sinne dieser Spurensuche ist es nicht nur erhellend, sondern auch unterhaltsam, z.B. den Leserbriefstreit um die Farbe der Ballons am National Day zu verfolgen, den Versuchen der Zivilregierung beizuwohnen, nationale Geschichte zu erfinden oder der Tradition von Misswahlen und Schmuggel Erkenntnisse über gibraltarianische Identität abzugewinnen. Durch Auszüge aus seinen Feldtagebuchnotizen und Sequenzen aus Informanteninterviews werden die Erfahrungen Hallers im Feld und die soziale Welt Gibraltars sehr plastisch und anschaulich illustriert.Anstrengend zu lesen ist hingegen, dass wichtige Eckdaten zu Geschichte und Lebenswirklichkeit Gibraltars sehr sparsam portioniert bzw. weit über das Buch verstreut werden und die Phasen ethnologischer Theoriebildung in monolithischen Blöcken dazwischen stehen.Auch die Wiederholungen - v.a. der theoretischen Überlegungen - bringt einen aus dem Lesefluss. Gemäß der Empfehlung eines humoresken Allgemeinplatzes erhöht es den Eindruck von Wissenschaftlichkeit, wenn man sich vielfach wiederholt: man solle erst erzählen, was man erzählen will, dann erzählen und schließlich erzählen, was man gerade erzählt hat. Haller macht dies entlang der Gliederungspunkte seines immerhin vierseitigen Inhaltsverzeichnisses nicht nur zu Beginn jedes Kapitels, sondern teilweise auch der Unter- und Unterunterkapitel durchgehend.Ein Gefühl, eigentlich Stoff für mehrere Bücher zu lesen, überkommt einen bei der Spannweite der Themen, die Haller hier abgesteckt und auch bewältigt hat. Es ist nicht uninteressant, all die verschiedenen Facetten Gibraltars kennen zu lernen. Es macht das Buch nur unglaublich komplex und den Argumentationsfaden Hallers immer mal wieder etwas schwer auffindbar.Inhaltlich und wenn man erst einmal den Mut gefasst hat, bestimmte Passagen den eigenen Interesseschwerpunkten entsprechend fliegend zu absolvieren, ist Gelebte Grenze Gibraltar dennoch eine Bereicherung.Als Kern der Argumentation Hallers lässt sich folgende These herauskristallisieren: Die Diskurse um und die Praktiken und leiblichen Erfahrungen an der Grenze bilden nicht Endpunkte, sondern die essentiellen Grundkoordinaten jenes Aushandlungsprozesses, im Zuge dessen lokale, nationale und transnationale Identitäten erst entstehen.In Analogie zur Körper-Leib-Auffassung der Genderstudies seit den späten 80er Jahren, versteht Haller die zwischenstaatliche Grenze nicht nur als Ansammlung symbolischer Zeichensetzung an der Peripherie einer Gesellschaft, die es zu interpretieren, sondern als Ausdruck eines performativen Diskurses im Innern, den es leiblich zu erfahren gilt. So, wie das Selbstverständnis des ‚Leibes' die Definition dessen, was ‚Körper' ist, bedingt, so bestimmen das Erleben der Grenze sowie Zuschrei-bungen von außen mit, welches Bild sich eine Gesellschaft von sich selbst nach innen macht.Gelebte Grenze Gibraltar ist ein nicht ganz unangestrengtes, über weite Strecken aber auch sehr lesbares Buch, das ich empfehlen kann, sofern der Leser ‚Mut zur Lücke' aufbringt.